Start Die Geschichte der Radrennbahn
Die letzte Nacht ist lange her...

Mönchengladbach: Die letzte Nacht ist lange her

Ein Höhepunkt der "Jagd in der Nacht" waren die Steherrennen, in denen Radrennfahrer hinter speziellen Motorrädern auf sehr hohe Geschwindigkeiten kamen und sich packende Rennen lieferten. Hier vorne links Lokalmatador Herbert Bolten mit seinem Schrittmacher Schaub. FOTO: RPO

Mönchengladbach. Radfahren war schon einmal Volkssport in Deutschland. 1923 wurde die Radrennbahn im M. Gladbacher Volksgarten gebaut. Ihre große Blütezeit erlebte sie in den 50er und 60er Jahren. Das Stadion gibt es auch heute noch. Doch Radrennen sind dort schon lange nicht mehr möglich. Von O. E. Schütz

Ab und zu kommt Heinz Theisen auf seinen immer noch fast täglichen Fahrradtouren am Volksgarten vorbei. Und blickt mit Stolz, aber auch Wehmut auf den Ort, der ein halbes Jahrhundert das weit über die Stadt hinaus bekannte Zentrum des hiesigen Radsports war: die Volksgartenbahn.

"Schade, dass alles so untergegangen ist", sagt Herbert Bolten. Er ist 84 Jahre alt und war nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit seinem Partner Karl-Heinz Deckers eines der großen Eigengewächse in M. Gladbach, wie die Stadt damals geschrieben wurde; die beiden zählten im Mannschaftsfahren zu den besten Deutschen, zunächst als Amateure, später als Profis. Sie waren u. a. 1947 deutscher Vizemeister. Heinz Theisen, heute 76, früher mal Landesmeister, gehört auch zu dieser stolzen Reihe von Rennfahrern, die auf der Volksgartenbahn als Lokalmatadore gefeiert wurden.

Höhepunkt am Volksgarten war viele Jahre die weit über die Stadt hinaus bekannte "Jagd in der Nacht", ein Mannschaftsrennen nach Sechstageart mit internationalen Spitzenfahrern, das stets Tausende Besucher anlockte – 1950 bei der Zweitauflage nach dem Debüt 1938 waren es sogar 10 000. Vor dem Stadion gab es stets ein Volksfest mit Buden und allerlei Vergnügungen. "Da herrschte immer eine super Atmosphäre", sagt Heinz Theisen, dessen Partner auch der Krefelder Ehrenfried Rudolph war, der spätere Weltmeister bei den "Stehern".

Das Stadion am Volksgarten gibt es heute immer noch. Doch Radrennbahn ist es schon lange nicht mehr: 1975 kam das Aus für das 400-Meter-Oval rund um den Rasenplatz im Inneren. Die mit einem Macadambelag versehene Rennbahn war immer reparaturanfälliger, am Ende baufällig, geworden, das Interesse der Zuschauer verflacht. Die Bahn wurde schließlich 1975 von der Stadt wegen gravierender baulicher Mängel geschlossen. Überlegungen, an Stelle des Stadions eine neue Großsporthalle für die Stadt zu errichten, wurden nie verwirklicht. 1991 wurde der Belag des "Geläufs" dann entfernt.

"Todesstoß für unsere Volksgartenbahn war das in Büttgen entstandene Landesleistungszentrum des Radsportverbandes mit Holzbahn, Halle und Wirtschaftsgebäuden", sagt Hans Steyven. Er ist 1938 bei der allerersten "Jagd in der Nacht" selbst mitgefahren, als Schüler im Rahmenprogramm. Von 1957 an bis zum Ende 1969 hat Hans Steyven dann für den Verein Volksgartenbahn und seinen Radfahrverein Schwalbe die "Jagd in der Nacht" organisiert und die Fahrer verpflichtet: "Einmal hatten wir drei frischgebackene Weltmeister am Start. Das damalige Radsportidol Rudi Altig ist hier mit seinem Bruder Willi auch gefahren, hat aber nicht gewonnen."

Neben dem zunächst vierstündigen Mannschaftsfahren vor und nach Mitternacht (später auf drei und dann zwei Stunden reduziert) gab es "Steherrennen", bei denen Einzelfahrer im Windschatten spezieller Motorräder als Schrittmachern sehr hohe Geschwindigkeiten erreichten – eine besondere Attraktion für das Publikum.

Radfahren ist heute wieder Volkssport in Deutschland. Das war er auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1923, als die Radrennbahn eröffnet wurde, gab es im damaligen M. Gladbach 16 (in Worten: sechzehn!) Radsportvereine. Sie verwirklichten sich gemeinsam den Traum, rund um den bestehenden Sportplatz eine 420 Meter lange Sandbahn für ihre Rennen zu bauen. 54 offiziell anerkannte Bahnen gab es 1925 in Deutschland, 16 allein im Rheinland, darunter Düsseldorf, Erkelenz, Kempen, Krefeld, Neuss, Dülken und Viersen. In M. Gladbach hatte es bereits zuvor eine Sandbahn auf dem heutigen Gelände der Firma Montforts gegeben, in Rheindahlen am "Haus Sittard" eine 500-Meter-Lehmbahn.

Den "Aufstieg" schaffte die Volksgartenbahn 1936, als sie ausgebaut wurde, den Macadambelag erhielt, die Kurven für höhere Geschwindigkeiten erhöht wurden, es nun Tribüne und Beleuchtungsanlage gab, die Veranstaltungen am Abend und bis in die Nacht hinein ermöglichte. M. Gladbach wurde im Lauf der folgenden Jahrzehnte zu einer der beliebtesten Bahnen in Deutschland. Der Zweite Weltkrieg brachte zwar einen Bruch, die Bahn wurde schwer getroffen. Doch nach Kriegsende brachten unter Führung der Vereine Möwe Lürrip, Concordia, Staubwolke und Schwalbe die Radsportler ihre Bahn in vielen ehrenamtlichen Arbeitsstunden wieder so weit, dass der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden konnte.

Es folgte die neue Blüte mit bis zu neun Renn-Veranstaltungen im Jahr und der "Jagd in der Nacht", die 1969 ihre letzte Auflage erlebte, "weil es immer weniger Sponsoren gab", so Hans Steyven. 1975 kam dann auch das Aus für den ganzen Radsport auf der Volksgartenbahn.

Quelle: RP